Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences
Institut für lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung
Institute for Sustainable Urban Development
IN-LUST

Tagungsbericht

​​​​​​​Lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung -
Quartier interdisziplinär gedacht

08.11.2019, Hochschule Düsseldorf​

Am 08.11.2019 veranstaltete das In-LUST seine erste Fachtagung. Unter dem Titel „Lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung – Quartier interdisziplinär gedacht“ beschäftigten sich etwa 100 Teilnehmende interdisziplinär mit Themen der Stadtentwicklung. Die Tagung hatte das Ziel, neue innovative Ansätze zur Thematik der lebenswerten und umweltgerechten Stadtentwicklung vorzustellen und mit dem Fachpublikum, wie auch der angewandten Praxis zu diskutieren.


​Begrüß​ung

Vortrag: Prof. Dr. Edeltraud Vomberg, Präsidentin der Hochschule Düsseldorf
Moderation: Prof. Dr. Anne van Rießen, In-LUST

Frau Prof. Dr. Edeltraud Vomberg, Präsidentin der Hochschule Düsseldorf, begrüßte die Teilnehmenden der Tagung und machte LUST auf interdisziplinäre Themen der Stadtgestaltung. In ihren Ausführungen wurde deutlich, dass In-LUST ihrer Meinung nach ein „tolles Instrument, die Lebensfragen im Quartier anzuschauen“ und „Impulse für die Zukunft zu setzen“ ist. Besonders Augenmerk legte sie auf die Partizipation - „Betroffene zu Beteiligten machen“.

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Lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung – In-LUST stellt sich vor

Vortrag: Prof. Dr. Anne van Rießen und Prof. Dr.-Ing. Matthias Neef, In-LUST
Präsentation

Frau Prof. Anne van Rießen stellte sich und Herrn Prof. Matthias Neef als Institutsleitung vor und leitete zunächst mit wenigen organisatorischen Informationen in die Tagung ein. Prof. Neef bezog die Anwesenden durch eine Live-Online-Abfrage zu ihrem Arbeitsort, Arbeitsbereich und dem gewählten Verkehrsmittel zur Tagungsanreise ein. 

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​​​Besonders interessant waren die Assoziationen, die zur lebenswerten und umweltgerechten Stadtentwicklung gesammelt und in Wortwolken dargestellt wurden.​


Prof. van Rießen stellte anschließend zunächst die Geschichte des In-LUST vor. Sie erläuterte die interdisziplinäre Arbeitsweise des In-LUST und den Kanon FORSCHUNG - LEHRE - TRANSFER anhand von beispielhaften Projekten. Deutlich wurde, dass Stadtentwicklung – die lebenswerte und umweltgerechte Aspekte berücksichtigt – die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen bedarf.


Keynote-Vortrag: Die Eigenlogik von Städten und ihr Einfluss auf die Lebensqualität der Bewohner_innen

Vortrag: Prof. Dr. Martina Löw, Technische Universität Berlin, Fakultät VI: Planen Bauen Umwelt Institut für Soziologie
Moderation: Prof. Dr. Anne van Rießen, In-LUST

Frau Prof. Löw leitete Ihren Vortrag mit mehreren spannenden Fragen ein: „Sehen wir Personen anders, weil die aus einer bestimmten Stadt kommen?“, „Wirkt jeder schöner neben einem Strauß Rosen?“. Ihre Forschungen zum Thema Eigenlogik von Städten ermitteln, was selbstverständliches Wissen in einer Stadt ist und was in einer Stadt „einfach Sinn macht“. Welche „eingefleischten Wertsichten und Routinen“ gibt es, was wird als zu lösende Aufgabe definiert, welche Grundhaltung besteht? Auf welche Art und Weise werden Probleme gesehen und welche Handlungsstrategien und welches Leiden am Problem hängen damit zusammen? Als Quelle für Ihre Forschung zieht sie unter anderem Kriminalromane mit lokalem Bezug und Befragungen von Personengruppen wie Friseur_innen heran. Dieser interdisziplinäre Ansatz und die Befragungen von Bewohner_innen stellen Parallele zu In‑LUST dar. Laut Frau Löw schaffen prägnante Gebäude Identifikationsmöglichkeiten. Ihrer Meinung nach sollten sich Städte damit auseinandersetzen, was ihre Leitsätze sind. Sie sollten Identifikationsangebote schaffen und somit auch die Lebensqualität erhöhen. Prof. Löw schlägt vor, die übliche Messung von Lebensqualität um Eigenlogiken, Routinen und Emotionen zu erweitern, um somit eine lokalspezifische Einbettung und Bewertung zu ermöglichen, denn „Städte und Menschen ticken unterschiedlich“.​

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Keynote-Vortrag: Die Transformation der Stadt als urbane Zukunftskunst

Vortrag: Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Moderation: Prof. Dr. Anne van Rießen, In-LUST

Prof. Uwe Schneidewind fühlt sich „beschenkt“, in diese Zeit hereingeboren zu sein, in der die Menschheit erstmals die Chance hat, allen Menschen auf der Erde ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, und daran mitwirken zu können. Seine Forschung der „großen Transformation“ verwendet den Begriff „Zukunftskunst“, einen unaufgeladenen, neuen Begriff, der Gestaltung von Gesellschaft und Urbanität beinhaltet, um eine positive Haltung in den Klimaschutz-Diskurs einzubringen. „Zukunftskunst“ hat verschiedene Dimensionen: technologisch – ökonomisch – kulturell – institutionell. Die Umsetzung technologisch komplexer Systeme hängt von der Verankerung in der Gesellschaft ab.
Prof. Schneidewind nennt vier Schlüsselfaktoren für die urbane Transformation:

Eigenart – vergleichbar mit der zuvor thematisierten Eigenlogik von Frau Prof. Dr. Martina Löw – bedeutet, dass der Klimaschutz in den Städten eine Heimat bekommen müsse. Klimaschutz in Düsseldorf müsse eine „Düsseldorfer Eigenlogik“ haben, mit der sich die Bürger_innen identifizieren können.

Mobilisierende Zielbilder – es müssen Bilder geschaffen werden, die Mobilisierungskraft haben, anstatt trockene Zielzahlen. 

Vernetzte Experimentierräume – Möglichkeiten sichtbar machen und Begeisterung dafür schaffen. 

Kreative Allianzen – Veränderungen unterschiedlicher Bereich müssten zusammengebracht werden. 

Prof. Schneidewind schließt mit der Aussage „Mit Experimentierfreudigkeit lässt sich draußen etwas bewegen“. Er fordert dazu auf, Städte als Experimentierräume zu nutzen. Auf eine Rückfrage zur Einbeziehung sozial „schwächerer“ Bürger_innen an der Transformation hin erläutert er, dass der CO2-Rucksack einkommensabhängig sei, und somit auch die Einkommensstarken die größeren Einsparpotentiale besäßen. Randgruppen würden immer wieder vorgeschoben, um Klimaschutzmaßnahmen im eigenen Interesse aufzuhalten.

 

Posterausstellung​

​​​In den Pausen hatten die Teilnehmenden zudem Gelegenheit, sich bei der Posterausstellung über In‑LUST, Projekte und Promotionsvorhaben zu informieren.

Inter- und transdisz​​ipl​inär
Eine interdisziplinäre Annäherung an den Begriff lebenswert
Eine interdisziplinäre Annäherung an den Begriff umweltgerecht​

LUST Düsseldorf Rath Unterrath
Fahrräder am Campus
Quartierskonzept und Quartiersmanagement am Wartsberg in Kempen
Musterhaus am Wartsberg in Kempen
Quartierskonzept und Sanierungsmanagement Heißen-Süd, Stadt Mülheim an der Ruhr
Beratu​​​ng zur gesamtstädtischen Quartiersentwicklung

Studentische​s Wohnen in Rath Interdisziplinärer Entwurf
​Städtebauliche Entwicklung des ehemaligen Campus Golzheim


Tagungskommentar

Vortrag: Prof. Dr. Reinhold Knopp
Moderation: Prof. Dr. Anne van Rießen, In-LUST

Nicht nur ich, sondern auch das gesamte Team von In LUST haben uns sehr gefreut, dass unsere Präsidentin Prof. Dr. Vomberg zur Eröffnung ein Grußwort gehalten hat. Und das umso mehr, weil sie den Ansatz von In LUST, interdisziplinär zu arbeiten, in ihrem Beitrag so deutlich unterstützt hat. Genau hingehört habe ich, als sie dabei, bezogen auf Praxis- und Forschungsprojekte, den Aspekt der Partizipation „im Feld“ hervorgehoben hat. Dies ist unser Ansatz, der auch Ressourcen kostet und da werden wir sicherlich noch einmal auf die Präsidentin zukommen. 

Liebe Teilnehmer_innen an unserer Tagung, Sie haben einen kurzen aber auch sehr informativen Überblick über das In‑LUST Institut bekommen, Sie konnten sich durch die Posterausstellung über unsere Projekte informieren und es gibt ja auch die Einladung unsere Internetseiten zu besuchen, auf denen noch viel mehr zu finden ist.

Die Tagung hat in meiner Gesamtschau zwei wichtige Ergebnisse erbracht: Zum einen haben wir Ihnen - auch über die Panels - Einblick in die Themen von In-LUST vermitteln können, zu anderen haben wir durch Ihre Mitwirkung unseren Blick geweitet und neue wichtige Hinweise bekommen. Dafür ein Dank an Sie und für das Ergebnis, das wir mit der Tagung erreicht haben, ein Dank an das Organisationsteam!

Wir haben zwei tolle Vorträge gehört, die uns alle schon alleine wegen der Präsentationen und der Art des jeweiligen Vortragens in den Bann genommen haben. Auch die sparsame Zahl der Charts in den Präsentationen haben gutgetan. Aber besonders wertvoll waren diese Vorträge, weil beide ein Angebot zur Einnahme von neuen Perspektiven, „die Dinge zu betrachten“, zum Inhalt hatten und damit sehr zum Nachdenken anregten. 

Martina Löw hat die Eigenlogik der Städte und die Wechselwirkungen zwischen der Besonderheit der Städte und den Menschen, die in ihnen leben, u. a. an dem Vergleich von Bremerhaven und Rostock sehr eindrucksvoll dargestellt. Ihre zum Teil ethnografischen Forschungsmethoden, aber auch die Tatsache, wer interviewt wurde (Haarschneidehandwerker_innen) und welche Dokumente ausgewertet wurden (Krimis mit Lokalbezug), haben gezeigt, dass qualitative Forschung sehr spannend sein kann. Der Slogan von Mannheim mit „dem Weinen bei der Ankunft und bei der Abfahrt“ bleibt uns sicherlich ebenso in Erinnerung, wie der Spruch zum Rausfliegen aus bzw. in Berlin, wozu kein Flughafen benötigt wird. Die Perspektive der Eigenlogik von Städten wurde von ihr quasi „bebildert“.

Wir hier in Düsseldorf können fast ein bisschen froh sein, dass Martina Löw noch nicht zu den Unterschieden von Köln und Düsseldorf geforscht hat, zumal bei Krimis Düsseldorf im Unterschied zu Köln meiner Wahrnehmung nach nur als Kulisse daherkommt.

Sehr positiv finde ich, dass Martina Löw die üblichen Kriterien für Lebensqualität in den Städten, also z. B. Gesundheitsversorgung und Umweltbelastung nicht grundsätzlich verworfen hat, sondern dass sie aufforderte, Aspekte der Eigenlogik wie „Routinen, Emotionen, Rhythmen“ bei der Betrachtung hinzuzuziehen. Und dieses Hinzuziehen und damit die Perspektive zu erweitern, finde ich einen sehr spannenden Ansatz. 

Der Einwand aus dem Plenum, dass auch die Quartiere in Städten zu betrachten sind, ist aus meiner Sicht wichtig und hier kommen wir schnell von der Raumsoziologie zur Stadtsoziologie, in der die Betrachtung mehr darauf liegt, wie es dort baulich und von der Aufenthaltsqualität her aussieht, wer dort in welcher sozialen Lage und mit welchem kulturellen Hintergrund lebt, wie die Ausstattung und Versorgung vor Ort ist und wie Nachbarschafts-beziehungen dort aussehen. Darauf ist Martina Löw u.a. mit dem Hinweis eingegangen, dass im Hinblick auf die Erfassung von Lebensqualität in Wohnquartieren ja bereits viele Aktivitäten unternommen worden sind.  Ihr in diesem Zusammenhang erfolgtes Plädoyer die Eigenlogik der jeweiligen Städte als neuen Ansatz stärker in den Blick zu nehmen, kann auch dazu anregen, Eigenlogik bezogen auf die Quartiere mit ihrer Geschichte und ihrem Wandel zu betrachten.

Herr Schneidewind hat in großer Zustimmung zum Vortrag von Martina Löw quasi eine Laudatio auf diesen und auf die Vortragende selbst gehalten. Dies machte er in sehr eindringlicher Weise aber auch mit einem Tempo, das ihm noch ausreichend Zeit gelassen hat, seinen Ansatz und die Bezüge zum ersten Vortrag darzustellen – zum Beispiel über die Begriffe „Eigenart“ und „Eigenlogik“.

Beide Vorträge haben auf ihre Art die Besonderheit der subjektiven oder auch kulturellen Perspektive gegenüber der materiellen hervorgehoben. Dies als Ergänzung zu sozialstatistischen Daten und Erfassung von Bau- und Mobilitätsstrukturen zu nehmen, ist für eine ganzheitliche Betrachtung sehr wertvoll und auch in den In LUST Projekten kommt der qualitativen Forschung in Form von Interviews ein großer Stellenwert zu. Die richtige Balance zu finden zwischen „kulturellem Überbau“ und „materieller Basis“, stellt eine große Herausforderung für Praxis- und Forschungsprojekte dar.

Bei Uwe Schneidewind ist es die kulturelle Dimension, der er beim Werben für das Thema „Zukunft“ eine Bedeutung zumisst. Und dazu nutzt er auch die sprachliche Ebene: Der Begriff der Zukunftskunst kann im wahrsten Sinne des Wortes eine Zukunft haben, wenn wir ihn aufgreifen und nutzen. Allerdings muss dafür in ähnlicher Weise geworben werden, wie dies in seinem Vortrag geschah, damit der noch nicht so präsente Begriff Zukunftskunst auch für eine lustvolle und lebendige Auseinandersetzung eingeführt und genutzt werden kann.  

Mit der Verknüpfung der vier Dimensionen Eigenart – Zielbilder (statt Zahlen) – Kreative Allianzen und vernetzte Experimentierräume bietet Uwe Schneidewind Anregungen. Die Aussage, „dem Klimaschutz eine Heimat zu geben“ ist bestimmt vielen im Gedächtnis geblieben und sorgt für ein Nachdenken, wie dies lokal umgesetzt werden kann.

​An dieser Stelle käme der Bericht aus den Arbeitsgruppen, aber bei sieben Panels kann ich nur kurz und unvollständig über die Ergebnisse berichten, zumal die Diskussionen in der ersten Runde wohl so spannend waren, dass alle Gruppen die Zeit überzogen haben und mir wenig Möglichkeit der Rückfrage gegeben war. Nun ist das auch eine Information, denn es zeugt von Interesse an den Themen. Eine Bemerkung dazu erlaube ich mir trotzdem: So wurde aus mehreren Gruppen kurz berichtet, dass die Art und Weise und der Zeitpunkt von Information und insbesondere von Beteiligung in den Diskussionen bedeutsam war. Wir nehmen hier wichtige Hinweise für die weitere Arbeit in den In LUST Projekten mit. Mehr dazu ist in der Dokumentation der Panels zu finden.

So bleibt mir zum Schluss noch einmal mit Bezug auf die beiden einleitenden Vorträge eine Anmerkung aus der Perspektive des Sozialen, wozu ja auch Fragen und Statements aus dem Plenum gekommen sind. Wenn Martina Löw mit Unterscheidung zu Mannheim den Slogan vorstellt „München liebt Dich“, dann muss man diesen leider ergänzen mit „aber Du Münchner_in kannst diese Liebe immer weniger erwidern, weil die Mieten für Dich zu teuer geworden sind. Und diese Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis einer an Markt und Profit orientierten Politik – Wien zeigt, dass das auch anders gegangen wäre. 

Interdisziplinär Denken und Arbeiten muss das Soziale immer einschließen: So hat Paris es weitgehend geschafft, die Innenstadtbereiche autofrei zu machen, aber leider auch frei von der ursprünglichen Bewohnerschaft. Eine autofreie Stadt für Touristen kann nicht das Ziel einer ökologisch orientierten Politik sein. 

Abschließend sollen noch einmal die von Uwe Schneidewind vorgestellten gegensätzlichen Perspektiven auf Zukunft in den Blick genommen werden. Also, ob wir geboren worden sind in eine düstere, dystopische Zeit oder in eine – wie er es nennt - geile Zeit, in der es die technischen Möglichkeiten gibt bzw. immer mehr geben wird, eine humane Zukunft für die gesamte Erdbewohnerschaft zu schaffen. Damit rückt das Soziale erneut in den Blickpunkt und zwar im Kontext von Macht und Herrschaft. Nicht ein auf Profitmaximierung basierender Markt, der auf Privatbesitz an Grundstoffen und Produktionsmitteln gründet, wird in die positive Variante der Zukunft führen. Nur eine am Gemeinwohl und globalen Ausgleich orientierte demokratische Politik kann uns eine solche Zukunft ermöglichen. Eine solche solidarische und partizipatorische Politik würde auch die Basis für mehr Menschen bieten, die eigenen, partiellen Interessen mit einem gemeinschaftlichen Interesse an einer Zukunft zu verbinden, die auf achtsamen Umgang mit den Ressourcen gründet.


 

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​Panel 1: Anpassung an den Klimawandel im städtischen Raum

Vortrag: Dr.-Ing. Tobias Kemper, EnergieAgentur.NRW
Moderation: Prof. Robert Niess, In-LUST
Präsentation

Dr. Kemper erläuterte den etwa 15 Teilnehmenden anhand einer PowerPoint-Präsentation, wie eine klimagerechte bzw. klimaresiliente Stadtentwicklung aussehen kann. Er regte an, dass Klimafolgenanpassung bei Änderungen im städtischen Raum mitgedacht werden sollten. Kooperatives und integriertes Handeln aller Beteiligten seien wichtig, um Veränderungen anzustoßen. Die Anpassungsmaßnahmen könnten zudem zu einer Steigerung oder Erhaltung der Lebensqualität in Städten führen, z. B. durch mehr Begrünung, Adiabate Kühlung und eine bessere Belüftung der Stadt. Als Lösungsansatz stellte Dr. Kemper die „Dreifache Innenentwicklung“ vor, die sich aus den drei Elementen „Erhöhung der Dichte und der Nutzungsvielfalt“, „Erweiterung der klimaschonenden Mobilitätsangebote“ und „Verdichtung und Qualifizierung des Grüns“ zusammensetzt.
In der nachfolgenden Diskussion, die Prof. Niess moderierte, wurde anregt über Hemmnisse und Möglichkeiten einer klimagerechten Stadtentwicklung diskutiert.
Der spürbare Klimawandel sei jedoch aktuell noch nicht überall als Verantwortung wahrgenommen, was direktes Handeln erschwert, besonders auch bei Bauträgern und Projektentwicklern. Hier wird auch ein Konflikt zwischen Klimaschutz und Gewinnstreben gesehen. Wünschenswert wären zudem Änderung zur rechtlichen Verankerung von Maßnahmen zum Beispiel in der Bebauungs- und Flächennutzungsplänen von Städten und Gemeinden. Eine Teilnehmerin führte an, dass es teilweise bereits Begrünungssatzungen gebe, die Anforderungen festlegen. Diese seine jedoch absichtlich nicht starr ausgelegt um auf die individuelle Maßnahme Anpassungen zu ermöglichen. Hiermit wurden bisher auch gute Erfahrungen gemacht.
Auch die Sensibilisierung von (angehenden) Architekt_innen (bei der Ausbildung) sei ein wichtiger Punkt. Allerdings seien die dazu notwendigen Werkzeuge zur einfachen Berechnung von Auswirkungen noch zu wenig verbreitet, was sich auch darin zeigt, dass bisher kaum bekannt ist, wie sehr sich z.B. Fassadenbegrünung auswirkt.
Abschließend wird festgehalten, dass eine klimaresiliente Stadtgestaltung durch eine interdisziplinäre Haltung erforderlich ist und, dass diese eine neue und verbesserte Aufenthaltsqualität im urbanen Raum schaffen kann, ganz im Sinne von In-LUST.


​​Panel 2: Quartiere gestalten – wo lokale Akteure und verschiedene Professionen zusammenkommen

Vortrag: Prof. Dr. Heike Herrmann, Hochschule Fulda
Moderation: Prof. Dr. Anne van Rießen, In-LUST, In-LUST
Präsentation

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit Prof. Heike Herrmann unterschiedliche Aspekte der Quartiersgestaltung.
Besonderer Fokus wurde auf die Thematik der Durchsetzungsmacht gelegt. Es stellte sich die Frage, wer die Möglichkeit hat, Visionen zu entwickeln bzw. etwas zu verändern. Die Teilnehmenden berichteten von ihren eigenen Erfahrungen und erläutern z. B., dass aus ihrer Sicht eine hohe Bürger_innen-Beteiligung, aber auch eine Akteur_innenvielfalt bzw. Schlüsselpersonen vor Ort städtischen Widerstand reduzieren können. Wichtig ist jedoch, dass Beteiligung sichtbar wird.
Ebenfalls erhöht sich die Durchsetzungskraft durch die Herstellung einer Art „Lobby für das Quartier“ wie z. B. innerhalb von Quartierskonferenzen. Diese können eine Brücke zu Verwaltung und Politik herstellen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung der Wohnungswirtschaft reflektiert. Einerseits werden sie als Akteur_innen, welche Durchsetzungsmacht fördern können, betrachtet, weshalb sie vielmehr miteinbezogen werden sollten. Anderseits sehen diese sich mit negativen Zuschreibungen konfrontiert. Gründe hierfür sahen die Teilnehmenden darin, dass die verschiedenen Akteur_innen  wie Verwaltung, Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft mit der gegenseitigen Einnahme der unterschiedlichen Perspektiven überfordert sind.
Des Weiteren wurden unterschiedliche Probleme in der Quartiersentwicklung von den Teilnehmenden benannt. Hierzu zählt u. a., dass Soziale Arbeit kontinuierlich im Quartier sein müsste, die Finanzierung jedoch nicht kontinuierlich stattfindet. So geschieht es, dass Projekte abschließen, bevor der vorher identifizierte Handlungsbedarf bearbeitet werden konnte. Außerdem kann eine nachhaltige Entwicklung nicht ehrenamtlich „gestemmt“ werden. Zusätzlich wurde es als schwierig betrachtet, dass finanzielle Ressourcen bauliche Maßnahmen fördern, jedoch nicht das soziale Miteinander. 
​Abschließend stellte Prof. Herrmann bzgl. der diskutierten Punkte heraus, dass ein Austausch untereinander hilfreich ist, sodass Erfahrungen geteilt werden können. Außerdem machte sie darauf aufmerksam, dass bauliche sowie räumliche Umgestaltungen immer auch soziale Auswirkungen mit sich bringen. Sie sieht die Bedeutung hinsichtlich der Bildung von nachhaltigen Strukturen, vertritt jedoch die Auffassung, dass ein vollständiger Rückzug aus dem Quartier mit der Hoffnung, dass es „von selbst weitergeht“ nicht realistisch ist.
Schnittstellen wie Quartiersmanagement, Mehrgenerationenhäuser etc., sind für die Quartiersentwicklung wichtig, wie das richtige Vorgehen jedoch aussieht, muss jedes Mal von Neuem erarbeitet werden. Hierfür gibt es kein einheitlich richtiges Vorgehen. Quartiere entwickeln sich. Die Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen ist, welche Entwicklungen „wollen wir“ und wie kann darauf reagiert werden.​


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Panel 3: Umsetzungsprozesse der energetischen Sanierung

Vortrag: Stephanie Weis, In-LUST
Moderation: Prof. Dr.-Ing. Mario Adam, In-LUST

Vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele der Bundesregierung beschäftigte sich das Panel 3 „Prozesse der energetischen Sanierung“ mit den relevanten Akteur_innen und den Umsetzungsprozessen der energetischen Sanierung. Den Kern bildeten vier Schlüsselelemente, welche im Vorfeld innerhalb diverser Expert_inneninterviews mit Handwerker_innen, Architekt_innen und Energieberater_innen thematisiert und als besonders relevant für den Sanierungsprozess eingestuft wurden. Zu den vier Schlüsselelementen zählen das Erstgespräch, die Prozessverantwortung, die Rahmenbedingungen und die Schnittstellen. In vier Gruppen haben die Teilnehmenden sich näher mit den Schlüsselelementen und deren Auswirkung auf den Sanierungsprozess beschäftigt und ihre Ergebnisse im Plenum vorgestellt. Dabei wurde vor allem die Wichtigkeit der Erstberatung und damit einhergehend einer einheitlichen und verständlichen Kommunikation bei energetischen Sanierungen deutlich. Im Anschluss richtete sich der Blick auf den gesamten Sanierungsablauf, die Verortung der genannten Schlüsselelemente und weitere Aspekte mit erheblichen Auswirkungen im Zuge einer energetischen Sanierung. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Komplexität des Sanierungsprozesses diverse Herausforderungen und Handlungsnotwendigkeiten mit sich bringt. Daraus ergeben sich wiederum vielfältige Möglichkeiten zur Optimierung, die tiefergehend zu untersuchen sind und in umsetzungsfähigen Handlungsstrategien auf unterschiedlichen Ebenen münden sollten.


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​Panel 4: Umweltspaziergang – eine geführte Tour durch die lebenswerte (?) Stadt begleitet von Luftschadstoffmessungen

Vortrag/Leitung: Dr. Beatriz Toscano, In-LUST und Tobias Pohl, Labor für Umweltmesstechnik

Im Rahmen des Umweltspazierganges wurden die Teilnehmenden entlang der Tolouser Allee zum Viertel „le flair“ geführt – einem neugebauten Quartier, welches in den letzten Jahren fertiggestellt wurde und nun Wohnraum für die gut betuchte Schicht anbietet. Anschließend ging es durch den alten Stadtteil Derendorfs wieder zurück zur Hochschule. Mit dem Panel haben wir uns vorgenommen die Vielschichtigkeit eines Quartiers in all seinen Facetten zu beleuchten. Neben dem ersten Eindruck sollten die Teilnehmenden in Diskussionen vor allem dafür sensibilisiert werden, was nicht immer offensichtlich und direkt zu fassen ist. Begleitend dazu wurden Fein- und Ultrafeinstäube gemessen. Dies sind Luftschadstoffe, welche ebenfalls nicht sichtbar sind, sich aber dennoch auf die Lebensqualität der Bewohner_innen einer Stadt auswirken.

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Panel 5: Solar Decathlon Europe 2021 in Wuppertal mit urbanem Profil

Vortrag: Dr.-Ing. Katharina Simon, Dr. Daniel Lorberg, Bergische Universität Wuppertal
Moderation: Prof. Dr. Eike Musall, In-LUST
Präsentation

Frau Dr. Simon stellte als Director of Architecture and Urban Innovation des Ausloberteams den Studentischen 1:1-Wettbewerb Solar Decathlon Europe vor, der 2021 in Wuppertal stattfinden wird. Im Vergleich zu den Vorgängerausgaben des Wettbewerbs wird in der Ausgabe 2021 der urbane Raum adressiert und der Aspekt des Quartiers in die Aufgabenstellung einbezogen. Im Aufruf zur Bewerbung um die Teilnahme, dem die HSD durch eine Bewerbung durch das In-LUST gefolgt ist (eine Bewerbung wurde zum 25.10.2019 an den Wettbewerbsauslober gesendet) wurden drei urbane Bauaufgaben aus dem Wuppertal Quartier Mirke vorgestellt (Baulücke, Sanierung mit Aufstockung und Sanierung mit Anbau), die neben einer Wohnnutzung zusätzliche Angebote für das Quartier enthalten sollen und dazu auch Freiflächen an den konkreten Gebäuden bereithalten. Bis Ende 2019 werden 18 Teams aus dem internationalen Bewerberfeld für die drei verschiedenen Bauaufgaben ausgesucht, wobei die Verteilung nicht gleichmäßig sein muss und die Auswahl allein auf Basis der Qualität der Bewerbung erfolgt. Dr. Katharina Simon führte dazu an, dass den teilnehmenden Teams ein sog. Building Code übergeben wird, welcher die lokalen Regeln z. B. der Landesbauordnung enthält und von den Teams zu beachten sein wird. Dem gegenüber steht es den Teams frei, ihre landesspezifischen Regelungen z. B. bei der Innenausstattung umzusetzen.
Im Anschluss stellte Herr Dr. Lorberg, Project Director of Solar Decathlon Europe 21, ein aus den Betrachtungen des Wettbewerbsquartiers Mirke heraus entwickeltes Projekt vor, das sich mit der Nach- bzw. Umnutzung leerstehender Ladenlokale im Quartier beschäftigt. Diese sollen im Verbund als Hostel mit dezentralen Einheiten (Quartiersgästezimmern) nutzbar gemacht werden und zudem per flexibler Gestaltung für weitere Nutzungen und Veranstaltung (bspw. Minikonferenzräume) am Tage nutzbar werden.
Beide Projekte eint die Forderung und Förderung „CO2-neutraler Gebäudebestand“. „Übriggebliebenes“ im Quartier soll zu einem „Möglichkeitsraum“ entwickelt und Perspektiven aufgezeigt werden. Vor Ort agierende Bürgerinitiativen werden einbezogen.

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Panel 6: Akzeptanz und Beteiligung in der Energiewende – Zusammenhänge, Möglichkeiten, Herausforderungen

Vortrag: Dipl.-Psych. Jan Hildebrand, Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme, Saarbrücken
Moderation: Carina Bhatti, In-LUST und Lisa Scholten, HSD
Präsenta​​tion

Im Rahmen des Panels gab Herr Hildebrand einen Input zu der Akzeptanz und Beteiligung in der Energiewende u. a. anhand praktischer Beispiele zum Thema Windenergie. In dem begleitenden Austausch berichteten einige Teilnehmenden von ihren eigenen Erfahrungen und im Plenum wurde zu Methoden, Möglichkeiten und Grenzen der Beteiligung diskutiert.
Die Wichtigkeit eines kontinuierlichen Kontaktes zur Bevölkerung sowie von Transparenz über geplante und laufende Prozesse wurde betont. Ebenso werden Ortsbindung und Ortsidentität als Akzeptanzfaktoren diskutiert. Dem folgend spielt die Partizipation des Sozialraums und allen Akteur_innen vor Ort eine relevante Rolle. Partizipation in einem „funktionierenden Quartier“ wurde von den Teilnehmenden als umsetzbar gesehen, wenn als Basis ein kontinuierlicher Austausch zwischen allen Beteiligten vorherrscht. Hier sind vor allem die Kommunen in die Pflicht zu nehmen und müssen Austausch- und Beteiligungsplattformen bereitstellen.
In der weiteren Diskussion stellte sich die Frage, wie es sein kann, dass einerseits eine große Befürwortung der Energiewende wahrgenommen wird und anderseits eine ebenso große Gegenbewegung entstanden ist. Als Gründe für die Teilnahme an Gegenbewegung, bspw. bei dem Thema Windenergie, wurden u. a. identifiziert:  Vogelschutz, Angst vor sinkendem Mietpreisen von Seiten der Vermietenden, Ängste in der Bewohnerschaft geweckt durch populistische Meinungsmache etc.
Herr Hildebrand stellte heraus, dass Partizipation ein Faktor für die Herstellung von Akzeptanz darstellt, jedoch keine Garantie ist. Jedoch ist die Bereitstellung von Informationen bzw. Konsultationsverfahren eine Voraussetzung für die Akzeptanz von Bauprojekten bzgl. der Energiewende. Weiter ist es von besondere Bedeutung, vor dem geplanten Beteiligungsverfahren die Situation vor Ort (bspw. in den Sozialräumen und bei den beteiligten Akteur_innen) einzuschätzen bzw. den Kontext zu reflektieren. Ebenfalls wurde deutlich, dass, wenn informelle Beteiligung nicht in förmliche Verfahren verbindlich eingreift, dies zu Enttäuschung und Resignation der Beteiligten führt.
Herr Hildebrand schloss mit dem Fazit, dass es nicht das „richtige Verfahren“ gibt. Sowohl eine, der Situation entsprechende Vorgehensweise, als auch eine Reflexion des Planungsprozesses sind entscheidend.


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Panel 7: Gelingensfaktoren für Quartiersentwicklung

Vortrag: Bettina Nabbefeld, Quartiersmanagerin am Wartsberg und Anna Schewerda, SWB-Service- Wohnungsvermietungs- und -baugesellschaft mbH
Moderation: Prof. Dr.-Ing. Matthias Neef, In-LUST
Präsentation​

Unter der Leitung von Prof. Matthias Neef wurden im Panel 7 „Gelingensfaktoren für Quartiersentwicklung“ verschiedene quartiersrelevante Themen beleuchtet.
Zur Einstimmung in das Thema gaben zwei Quartiersmanagerinnen einen Input über ihre Quartiersarbeit mit besonderem Blick auf die Erfolge und Herausforderungen ihrer Tätigkeit vor Ort. Hier wurde deutlich, dass neben individuellen Erfolgen die Quartiere oftmals vor ähnlichen Herausforderungen, wie zum Beispiel dem langfristigen Erhalt des Interesses und der Motivation der Bewohnerschaft, stehen.
In zwei Gruppen mit Teilnehmenden aus verschiedenen Disziplinen wurden zunächst Akteur_innen und Zielgruppen in einem Quartier benannt und mögliche Erwartungen der im Quartier agierenden Personengruppen gesammelt. In diesem Schritt wurde bereits deutlich, dass sich die Erwartungshaltungen der Akteur_innen und Zielgruppen unterscheiden können, denn während die Zielgruppen Wünsche wie Entertainment und niedrige Kosten haben, dabei aber Entscheidungen abgenommen bekommen möchten, erwarten Akteur_innen Fördermittel zur Unterstützung ihrer Arbeit und wünschen sich ein stabiles Quartier. Welche Erfolgsfaktoren es gibt und vor welchen Herausforderungen man bei der Arbeit im Quartier steht, wurde im letzten Schritt in den Gruppen gemeinsam beleuchtet. Als Erfolgsfaktoren wurden besonders Themen wie Partizipation, Vernetzung und transparente Kommunikation herausgearbeitet. Hinzu kommt die Haltung der Akteur_innen als Kümmerer und starker Partner. Herausforderungen sahen die Teilnehmenden in Themen wie Finanzierung, begrenzte Projektlaufzeiten und der Einbindung der Interessengruppen und damit verbunden der Kommunikation.


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